Brett vorm Kopf
Nehmt sie beim Wort
Warum der Begriff „Protestpartei“ gefährlich ist.
26.09.2026
„Politik besteht heute nicht mehr darin, Inhalte zu vertreten, es kommt nur drauf an, notfalls im Minutentakt seine Positionen zu wechseln und dabei noch irgendwie sympathisch rüberzukommen.“ So Martin Sonneborn. Der ehemalige Chefredakteur des Satiremagazins „TITANIC“ gründete im Jahr 2004 Die PARTEI. Was eigentlich als satirisches Projekt gedacht war, um den inhaltsleeren Politikbetrieb zu konterkarieren, war erfolgreicher als von Sonneborn ursprünglich geplant. Mit Slogans wie „Für Europa reicht’s“ und „Besser als nix“ zog er 2014 ins Europaparlament ein und wurde seitdem zweimal wiedergewählt. Die PARTEI ist damit eine klassische Protestpartei. Eine, die – so die offizielle Definition – sich darauf beschränkt, gegen bestimmte politische, soziale Verhältnisse o. Ä. zu protestieren. Dieser Protest kann eben intelligent und satirisch sein oder mit dem Holzhammer – wie etwa bei der APPD, der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands.
Das wird schon wieder
Umso gefährlicher ist es deshalb, wenn sowohl die arrivierte Politik als auch der Großteil der deutschen Medien die AfD seit Jahren als „Protestpartei“ oder „Denkzettelpartei“ bezeichnen. Gefährlich, weil damit ein Subtext einhergeht, der suggeriert, dass die AfD ein nicht ernst zu nehmendes und zeitlich beschränktes Phänomen ist. Dass die meisten AfD-Wähler gar nicht rechtsextrem sind und sich noch nicht mal mit den Zielen der Rechten identifizieren. Nach dem Motto: „Die meinen das gar nicht so. Die wollen denen da oben nur einen Denkzettel verpassen und sobald die Altparteien das verstanden haben, ist der Spuk vorbei und alle wählen wieder brav Union, SPD, FDP und Grüne.“ Was dabei herauskommt, wenn man eine Partei nicht ernst nimmt und sie als „Denkzettelpartei“ abtut, davon können gerade wir in Deutschland ein Lied singen.
Ein steiler Aufstieg
Vor 93 Jahren hatten wir schon einmal exakt diese Situation. Die NSDAP wurde von ihren Gegnern und den Zeitungen als „Protestpartei“ belächelt. Jahrelang. Denn auch Hitler und seine Verbrecher kamen ja nicht aus dem luftleeren Raum und waren plötzlich da. Insgesamt siebenmal seit 1924 – das Parlament wurde in dieser Zeit ja mit schöner Regelmäßigkeit aufgelöst – war die NSDAP bei Reichstagswahlen angetreten. Hatte sie am 4. Mai 1924 noch 6,6 % geholt, verloren die Menschen danach erst einmal das Interesse an ihr. Denn noch war die junge Weimarer Republik einigermaßen im Lot. Dann aber – ab Mitte 1928 – begann der wirtschaftliche Abstieg Deutschlands im Rahmen der sich ankündigenden Weltwirtschaftskrise, die dann im Börsencrash 1929 und einer weltweiten Inflation kulminierte. Am 14. September 1930 holte die NSDAP 18,3 %, am 31. Juli 1932 waren es 37,3 %, am 6. November 1932 waren es 33,1 % und am 5. März 1933 dann 43,9 % – nur 0,1 % mehr als die AfD in Sachsen-Anhalt.
Tun, was man sagt
Ja – die AfD ist nicht die NSDAP und die gesellschaftlichen Voraussetzungen sind heute ganz andere als damals, aber das Beispiel zeigt, dass eine absolute Mehrheit gar nicht nötig ist, um alles ins Wanken zu bringen. Diese 43,9 % haben gereicht, um innerhalb von 18 Tagen die gesamte Weimarer Republik über die Klippe zu schieben. Die Menschen hatten aus Protest die Partei gewählt, die ihnen versprochen hatte, mit dem Filz der „Altparteien“ aufzuräumen und die Bonzen aus den Ämtern zu entfernen. Die Partei, die versprochen hatte, die Ordnung wiederherzustellen, alle Ausländer aus dem Land zu jagen und den linken Ideologen das Handwerk zu legen. Und so zog die NSDAP nach dem 5. März auch nicht irgendeinen dunklen Geheimplan aus einer Schublade und tat auch nicht Dinge, mit denen niemand gerechnet hatte. Im Gegenteil. Sie tat genau das, was sie vor der Wahl angekündigt hatte. "Wenn unsere Bewegung in ihrem legalen Kampfe siegt, wird ein deutscher Staatsgerichtshof kommen, und der November 1918 wird seine Sühne finden, und es werden auch Köpfe rollen.“ (Hitler im September 1930). „Polizeibeamte, die bei der Jagd auf Marxisten […] von der Schußwaffe Gebrauch machen, werden ohne Rücksicht auf die Folgen des Schußwaffengebrauches von mir gedeckt.“ (Göring im Februar 1933).
SA-Truppen machten als „Hilfspolizisten“ Jagd auf KPD-Abgeordnete. Diese „verschwanden“ dann einfach in Geheimgefängnissen. Und wer nicht getötet oder verhaftet wurde, flüchtete aus dem Land. So wurden die 81 Reichstagssitze der größten Gegner der NSDAP faktisch auf null reduziert. Gleichzeitig holte sich das braune Gesindel die Unterstützung der DNVP und der Zentrumspartei. Die hatten damals nämlich eben keine Brandmauer zu den Rechten errichtet. Im Gegenteil - sie unterschätzten sie weiter. So war sich der damalige Reichskanzler Franz von Papen sicher, er werde "Hitler in die Ecke drücken, bis er quietscht". Die Stimmen der Konservativen reichten dann für die erforderliche Zweidrittelmehrheit zur Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes am 23. März 1933. Gerade einmal 18 Tage, nachdem die Protestpartei NSDAP 43,9 % der Stimmen geholt hatte, hatte Hitler „carte blanche“ und konnte schalten und walten, wie er wollte. Das Dritte Reich mit all seinem Horror und seinem Schrecken war geboren.
Genau hinhören
Wenn also Ulrich Siegmund am 10. September in einer Pressekonferenz ziemlich unverhohlen deutlich macht, wie er gedenkt, mit hier lebenden Migranten umzugehen: „Wir verteufeln nicht pauschal Produktion von Rüstungsgütern, weil wir bei der späteren Remigrations- und Abschiebeoffensive natürlich auch entsprechende Hilfsmittel brauchen“, und wenn diese Partei weiterhin Menschen in ihren Reihen duldet wie den ehemaligen Pressesprecher Christian Lüth, der schon 2020 davon sprach, Migranten zu vergasen oder zu erschießen, weshalb er zwar öffentlichkeitswirksam von seinen Ämtern enthoben wurde, aber hinter den Kulissen weiterhin für die Partei tätig ist, und wenn der Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah in den Tagesthemen fordert, man solle Mitglieder von Schützenvereinen als „Hilfspolizisten“ einsetzen – wenn also diese Menschen keinen Hehl daraus machen, wie sie die Stabilität unserer Gesellschaft ins Wanken bringen und uns gegeneinander ausspielen wollen und wes Geistes Kinder sie sind, dann sollte man sie zumindest ernst nehmen.
Trotz ist keine Einstellung
Können wir uns deshalb bitte möglichst schnell darauf einigen, dass es keine demokratische Willensbildung ist, eine extreme Partei zu wählen, nur um zu protestieren? Können wir bitte aufhören, den Menschen maximalpädagogisch über das Köpfchen zu streicheln, die genau das tun? Sich in ein frühkindliches Trotzstadium zurückzuziehen, weil einem die aktuelle Politik und das derzeitige Personal nicht gefallen – und dafür gibt es weiß Gott gute Gründe –, und zu glauben, man könne diesen Parteien einen „Denkzettel“ verpassen, indem man rechtsextrem wählt, ist kein demokratisches Denken, sondern eigentlich eine Steilvorlage für die Aberkennung der Geschäftsfähigkeit.
P.S.: Hier noch ein paar Zahlen zum Thema „Protestpartei“: Während noch vor 5 Jahren bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 87 % der AfD-Wähler sagten, sie würden die Partei in erster Linie aus Enttäuschung über die anderen Parteien wählen, sah das bei der Bundestagswahl 2025 schon ganz anders aus. Laut Forschungsgruppe Wahlen gaben damals nur noch 25 % der AfD-Wähler dies als Grund an. 68 % sagten, sie wählten die Rechten, weil sie sich „mit den politischen Forderungen“ der AfD identifizieren würden.
P.P.S.: Ulrich Siegmund sagte am 4. September 2026 im ZDF-Morgenmagazin, er werde nur regieren, wenn er die absolute Mehrheit erreiche, weil er nur dann seine angekündigte Politik zu 100 % umsetzen könne. Und jetzt darf man dreimal raten, wessen Credo das noch war… Kleiner Tipp: Geburtsort ist das österreichische Braunau am Inn.